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Interview

Wie ist die Idee zu DER JUNGE MIT DEM FAHRRAD entstanden?

Luc Dardenne: Uns spukte schon seit geraumer Zeit die Geschichte einer Frau durch den Kopf, die einem Jungen dabei hilft, sich aus einem Umfeld von Gewalt zu befreien, in dem er gefangen ist. Als Ausgangspunkt hatten wir nur diesen Jungen vor Augen, ein wahres Nervenbündel, der dann allmählich durch das Einwirken eines anderen Menschen besänftigt wird und zur Ruhe kommt.
Jean-Pierre Dardenne: Zunächst hatten wir bei Samantha an eine Ärztin gedacht, doch fanden wir es schließlich besser, sie uns als eine Friseurin vorzustellen, die schon seit langem in ihrem Viertel Wurzeln gefasst hat.

Der Film ist sehr bewegend, ohne aber jemals gefühlsduselig zu werden.

Jean-Pierre Dardenne: Gott sei Dank!

Luc Dardenne: Es war uns wichtig, den Zuschauer niemals wissen zu lassen, warum sich Samantha eigentlich so sehr für Cyril interessiert. Psychologischen Erklärungen wollten wir unter allen Umständen aus dem Weg gehen. Auch sollte das gegenwärtige Geschehen nicht durch irgendwelche Verweise auf die Vergangenheit verständlich gemacht werden. Der Zuschauer sollte nichts weiter denken als dies: Samantha handelt halt so, wie sie es nun einmal tut. Und das ist ja schon sehr viel.

Cyril ist immer in Bewegung. Er kann nicht stillhalten.

Jean-Pierre Dardenne: Ja, er ist viel auf seinem Fahrrad unterwegs… Ohne sich selbst darüber im Klaren zu sein, ist dieser Junge, dem feste Bezugspersonen ja fehlen, im Grunde auf der Suche nach Liebe.

Eltern-Kind-Beziehungen spielen oft eine wichtige Rolle in Ihren Filmen, so etwa in DAS VERSPRECHEN, DAS KIND oder DER SOHN. Woran liegt das?

Luc Dardenne:
Nun, wir sind doch alle Söhne oder Töchter von Eltern.

Jean-Pierre Dardenne: Unsere Gesellschaft huldigt dem Kult des Individuums. Vielleicht ist es als eine Reaktion darauf zu verstehen, wenn wir immer wieder das Thema menschlicher Bindungen aufgreifen – auch wenn es sich dabei nicht notwendigerweise um verwandtschaftliche Bande handeln muss, wie durch Samantha und Cyril bewiesen wird.

Es entspricht nicht gerade Ihren Gewohnheiten, bekannte Schauspielerinnen zu engagieren.

Luc Dardenne: Das war auch überhaupt nicht geplant. Wenn wir an Drehbüchern arbeiten, denken wir normal nie an bestimmte Schauspieler. Als wir diesmal aber mit dem Drehbuch fertig waren und über mögliche Darstellerinnen nachzudenken begannen, ist uns sofort Cécile de France in den Sinn gekommen. Bei ihr konnten wir uns sicher sein, dass sie uns von psychologischen Fragestellungen verschonen würde, dass sie einfach nur mit ihrer pysischen Präsenz und ihrem Gesicht überzeugend sein würde. Also gaben wir ihr das Drehbuch zu lesen, und sie willigte sofort ein. Zwar stellte sie uns ein paar Fragen über die Motive ihrer Filmfigur, wir aber gaben ihr nur zur Antwort, dass Samantha eben einfach so sei wie sie ist und damit Schluss! Schließlich hat sie uns vertraut.

Wie haben Sie Thomas Doret entdeckt, den Darsteller des jungen Cyril, der in fast allen Einstellungen des Films zu sehen ist?

Jean-Pierre Dardenne:
Wie man es eben so anstellt, wenn man Darsteller in dieser Altersgruppe sucht: Wir haben eine Anzeige in der Presse aufgegeben und dann rund hundert Jungen zu einem Casting eingeladen. Thomas kam gleich am ersten Tag. Er war als Fünfter dran und wir hatten sofort den Eindruck, als sei er wie geboren für diese Rolle.

Luc Dardenne: Wir waren auf Anhieb von seinem Blick überwältigt, dieser Mischung aus einer gewissen Sturköpfigkeit und höchster Konzentration.

Jean-Pierre Dardenne: Er hatte auch eine erstaunliche Begabung dafür, sich seinen Text zu merken – sein Part war ja sehr lang. Von den ersten Proben an, bei denen es um die Eingangssequenz des Films ging, hatten wir das deutliche Gefühl, dass er die Idealbesetzung wäre. Auf intuitive Weise erfasste er genau, was er da für eine Rolle zu spielen hatte, und mit diesem Gespür gelang es ihm, stets auf Anhieb den richtigen Ton zu treffen. Er war bewegend, ohne je weinerlich zu wirken.

Luc Dardenne:
Während der Proben, die sich über eineinhalb Monate hinzogen, war er der einzige, der die ganze Zeit über anwesend war. Dadurch wuchs er in die Rolle eines Anführers hinein! Er kannte bald alle Szenen auswendig, obwohl wir das zum fraglichen Zeitpunkt überhaupt nicht von ihm verlangt hatten. Und wenn er sich einmal verhaspelte, dann regte er sich fürchterlich auf.

Der Film bedeutet auch ein Wiedersehen mit zwei treuen Weggefährten, nämlich Olivier Gourmet und Jérémie Renier, der die Rolle des Vaters spielt.

Luc Dardenne: Olivier taucht ja nur kurz auf, aber irgendwie mussten wir doch einfach was für ihn finden! (lacht). Wir haben ihm drei Rollen vorgeschlagen, und er hat sich dann für den Bistro-Wirt entschieden, der Bier ausschenkt. Er hat zwar nur einen ganz kleinen Auftritt, aber für uns war es wichtig, dass er mit von der Partie war.

Jean-Pierre Dardenne: Jérémies Rolle verlangte da schon etwas mehr. Nachdem er das Drehbuch gelesen und sich mit seiner Figur vertraut gemacht hatte, meinte er nur lakonisch, da hätten wir uns für ihn ja wieder mal eine sehr sympathische Figur ausgedacht! Aber gut, bei anderen Regisseuren darf er ja die netten Typen spielen, also wird er's wohl verschmerzen können…

Wie ging das Schreiben des Drehbuchs vonstatten? Wie lange haben Sie daran gearbeitet?

Jean-Pierre Dardenne:
Insgesamt ein Jahr, allerdings mit einigen Pausen zwischendurch. Wir hatten uns ja bereits vor dem Schreiben ausgiebig über das Projekt unterhalten.

Luc Dardenne: Wir gehen immer von einer bestimmten Figur oder von einer Situation aus und notieren uns dann alles, was uns interessant erscheint. Danach machen wir uns über die Struktur der Handlung Gedanken, entwerfen eine erste Version, eine zweite, dann wieder eine andere und so weiter und so fort. Diese Arbeit nimmt Monate in Anspruch.
Und die Dreharbeiten?

Luc Dardenne: Sie dauerten 55 Tage, wir haben ja schließlich mit einem dreizehnjährigen Kind gedreht! Wir waren aber sehr gut vorbereitet: Nie zuvor hatten wir vor einem Drehbeginn so viel geprobt!

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